9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturmarkt

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2026 - Kulturmarkt

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Der Literaturhistoriker Steffen Martus ("Erzählte Welt") versucht in einem Essay für die FAZ dem Wandel im Betrieb auf die Spur zu kommen. Zwei Phänomene beschäftigen ihn dabei, der Umzug des S. Fischer Verlags nach Berlin und der Erfolg Caroline Wahls. Seine Beschreibung des Wandels reicht aber kaum über das übliche hinaus - wir haben es mit Kommerzialisierung und Verflachung zu tun, wie er an der Rezeption des neuesten Wahl-Romans erkennt: "Die Zeitungsbeiträge zum neuen Roman sind auffällig häufig keine klassischen Rezensionen. Stattdessen gibt es viele Interviews, Podcasts mit der Autorin, Texte über die Begegnung mit ihr oder zumindest Artikel, die der Person und deren Meinungen erheblichen Platz einräumen. Ein erheblicher Teil der Literaturkritik geht also nicht auf Distanz, bemüht sich weniger um Abstand und darum, Sachlichkeit zu signalisieren. Stattdessen sucht die Presse die Nähe zur Autorin - oder vielleicht besser: zu literarischer Celebrity und Personality."
Stichwörter: Martus, Steffen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.08.2026 - Kulturmarkt

Der Carlsen Verlag hat Klage gegen den Anbieter von ChatGPT eingereicht, nachdem er feststellte, dass man mit ChatGPT die Druckvorlage eines "neuen Bilderbuchs erstellen kann, das sich bei den Figuren, in der Handlung und stilistisch beim 'NEINhorn' von Marc-Uwe Kling und Astrid Henn bedient, auch deren Namen nennt und überhaupt mit Verlagslogo und ISBN aussieht wie ein Originalbuch", berichtet Fridtjof Küchemann, der sich in der FAZ von Fachanwalt Felix Stang erklären lässt, was überhaupt geschützt werden kann: "Der Text als Sprachwerk, die Illustrationen als Werke der bildenden Kunst. Geschützt ist nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs auch die literarische Figur selbst, wenn der Autor ihr durch die Kombination von ausgeprägten Charaktereigenschaften und besonderen äußeren Merkmalen eine unverwechselbare Persönlichkeit verleiht, wie etwa Astrid Lindgren bei Pippi Langstrumpf. Das NEINhorn steht dem in nichts nach. Schutz genießt bei literarischen Werken außerdem die Fabel, also die eigenpersönlich geprägte Charakteristik und Rollenverteilung der handelnden Personen, der Gang der Handlung, die 'Szenerie'. Wer diese Elemente übernimmt, verletzt das Urheberrecht auch dann, wenn er den Wortlaut einer Geschichte ändert oder einen Fortsetzungsband schafft. Urheberrechtlich nicht geschützt sind hingegen bloße Ideen oder der Stil."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.08.2026 - Kulturmarkt

Andreas Platthaus atmet in der FAZ auf. Eine aktuelle Studie im deutschsprachigen Raum hat ergeben: Mehr als siebzig Prozent der 6400 Befragten lesen regelmäßig mindestens eine Stunde die Woche. Am meisten lesen junge Menschen, erfahren wir. "Besonders interessant wird die Studie dadurch, dass auch die politische Selbstverortung der Teilnehmer erfragt wurde. Als extrem unterschiedlich erwiesen sich die Lesepräferenzen von Links und Rechts. Letztere Gruppe liest doppelt so viele historische Sachbücher, und ein ähnliches Verhältnis ergibt sich bei historischen Romanen und Ratgebern; umgekehrt verhält es sich bei literarischen Neuerscheinungen und politischen Sachbüchern. Einig sind sich die politischen Extreme in ihrer jeweils mehrheitlichen Meinung, dass KI eher schade als nutze."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2026 - Kulturmarkt

Gedruckte Bücher sind - außer es geht um "destruktives Scannen" - nicht mehr so en vogue. Aber Hörbücher boomen. Ja, das beinhaltet auch eine Komplexitätsreduktion, erläutert der Literaturwissenschaftler Günther Stocker im Gespräch mit Barbara Vorsamer von der SZ: "Ein schwedischer Kollege, Karl Berglund, hat dazu eine große Studie gemacht. Er verglich die Bestsellerlisten von Hörbüchern und gedruckten Büchern in Schweden - und sie überschnitten sich kaum. Nicht mal ein Viertel war identisch. Die Hörbuch-Bestseller hatten kürzere Texte, mehr direkte Rede, mehr Dialoge, sehr handlungsgetrieben. Die gedruckten Bestseller waren dagegen lexikalisch vielfältiger, syntaktisch komplexer, mit längeren Sätzen und komplexen Satzgefügen. Unsere Fokusgruppen-Interviews bestätigen das. Anspruchsvolle Literatur wird nicht so gerne gehört." Allzu einfach darf man es sich aber nicht machen, so Stocker, denn wer viele Hörbücher hört, liest in der Regel auch viel.
Stichwörter: Hörbücher

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2026 - Kulturmarkt

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Auf Zeit Online blickt der Literaturwissenschaftler Steffen Martus mit Hilfe von Buchwissenschaftlerin Laura McGraths Buch "Middlemen - Literary Agents and the Making of American Fiction" (bisher nicht auf Deutsch erhältlich, hier in Englisch) auf die Spezies der Literaturagenten. Sie sind es, die an zustandegekommenen Vertragsabschlüssen nochmal ordentlich mitverdienen. "Vorschüsse sind das wesentliche Verhandlungsobjekt von Literaturagenturen. Sie steigen derzeit für einige wenige Autoren - Caroline Wahl soll für ihren letzten Roman einen Vorschuss in Millionenhöhe erhalten haben. Der Wettbewerb wird in Zeiten schwindender Buchkäufer härter. Verlagstreue versteht sich nicht von selbst. Entscheidend ist: Mit einem lukrativen Vorschuss verpflichtet sich ein Verlag auf weitere Investitionen, um die Erfolgsprognosen auch wahr werden zu lassen. Ziel ist ein Dominoeffekt. Hohe Vorschüsse generieren idealerweise hohes verlegerisches Engagement; die Werbemaßnahmen sorgen für Aufmerksamkeit; dieser Erfolg weckt das Interesse ausländischer Verlage; und am Ende wartet die Verfilmung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2026 - Kulturmarkt

Zu den traurigsten Artikeln gehören solche, in denen Gelehrte erzählen, wie sie ihre Bibliothek auflösen. Diesmal ist in der (auch nur virtuellen) Tiefdruckbeilage der FAZ der Historiker Valentin Groebner dran: "'Schöne Bücher', hatte der Antiquar auf meine Anfrage geantwortet, 'interessieren mich immer.' Er kam morgens in mein Büro zu Besuch, ein freundlicher älterer Herr mit scharfem, schnellem Auge. Zu meinen vielen dicken Bänden zur Schweizer Geschichte zuckte er nur die Schultern. 'Will niemand', sagt er knapp, 'habe ich schon.' Englisch lese seine Kundschaft nicht, für Wissenschaftsgeschichte interessierten die sich auch nicht; sehr wohl aber für die schönen Bücher, es müsse nicht unbedingt Geschichte sein, auch über Architektur, Theorie, Gegenwartsliteratur und Lyrik in gut erhaltenen Taschenbuchausgaben. Am Schluss packte er vierzehn große Papiertüten voll - '250, okay?' Ich nickte ergeben. Wahrscheinlich hätte ich 300 sagen sollen, aber ich war irgendwie eingeschüchtert von so viel rasantem professionellen Geschäftssinn." Es dürfte sich immerhin um Schweizer Franken handeln.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2026 - Kulturmarkt

Über den Steidl-Verlag ist ein vorläufiges Insolvenzverfahren eröffnet worden, meldet Monopol mit dpa. Steidl ist für seine hochwertigen Fotobücher bekannt und hält die Rechte an Günter Grass. "Vorläufiger Insolvenzverwalter ist der Braunschweiger Rechtsanwalt Stefan Liese, nach Auskunft von dessen Büro geht es unter anderem um unbezahlte Sozialabgaben. Nach den Worten des Göttinger Arbeitsrechtlers Sascha John, der nach eigenen Angaben den Großteil der Steidl-Mitarbeiter vertritt, sind noch mehrere Klagen offen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2026 - Kulturmarkt

Uwe Ebbinghaus kommt in der FAZ auf die besorgniserregenden Zahlen zum Büchermarkt zurück - Kinder und Jugendliche lesen immer weniger (unser Resümee). Dann muss eben mehr Leseförderung sein, so Ebbinghaus. Unverständlich sei "die Entscheidung des Bildungs- und Familienministeriums, das klug gestrickte Programm 'Lesestart 1-2-3' zum Ende des Jahres auslaufen zu lassen. Dieses sorgte dafür, dass jedes Kleinkind bei ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ein Buchgeschenk erhielt. Es stärkte die entscheidende frühkindliche Bildung durch Vorleseimpulse, die in einer beiliegenden Broschüre noch vertieft wurden. Denn natürlich haben auch Eltern einen Einfluss darauf, dass Jugendliche den Bezug zum gedruckten Buch und das mit ihm verbundene vertiefte Lesen verlieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2026 - Kulturmarkt

Die jüngsten Statistiken des Börsenvereins zum Buchmarkt sind alarmierend, kommentiert Felix Stephan in der SZ, besonders, was junge Leser anbelangt: "Die Zahl der Buchkäufer zwischen zehn und 15 Jahren ist 2025 innerhalb nur eines einzigen Jahres um 30,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. In der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen sind es fast zwanzig Prozent. Der Börsenverein verknüpft diesen Einbruch mit einer Entwicklung, die Studien lange belegen: Die Lesekompetenz von Kindern im Grundschulalter nimmt in Deutschland seit Jahren rasant ab. Ein Viertel der Kinder erreicht in seiner Grundschulzeit keine ausreichende Lesekompetenz."

Alle Zahlen des Börsenvereins finden sich auf dieser Seite. Starker Rückgang auch bei den Neuerscheinungen: 9,8 Prozent. Der Gesamtumsatz ist um 2,7 Prozent gesunken.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2026 - Kulturmarkt

Der Verlag C.H. Beck übernimmt große Anteile an dtv, gut 40 Prozent. Sie waren im Besitz der Ganske Gruppe, zu der etwa Hoffmann & Campe gehört. Der Konzentrationsprozess in der Branche geht also weiter, kommentiert Tania Martini in der FAZ. "Vor allem kleine und mittelgroße Verlage kämpfen immer stärker um eine Platzierung in den großen Sortimentsketten, die den Verlagen gegenüber eine starke Machtstellung haben. Im Onlinehandel und auf Plattformen entscheidet verstärkt der Algorithmus über Sichtbarkeit; gestiegene Produktions- und Transportkosten tun ihr Übriges. Auch ein wirtschaftlich starker Verlag wie C.H. Beck steht durch Konzerne wie Bonnier, Penguin Random House und Holtzbrinck unter Druck."

Zur Debatte um Vorschüsse für Bücher und eine angebliche Kommerzialisierung des Literaturbetriebs wendet der Amerikanist Günter Leypoldt ebenfalls in der FAZ ein, dass es eigentlich noch nie anders war: "Anspruchsvolle Literatur, die nicht zufällig durch Preise oder andere Aufmerksamkeitsmechanismen sichtbar wird, lässt sich fast nie allein durch Buchverkäufe finanzieren. Sie ist auf mehr oder weniger anstrengende Mischkalkulationen angewiesen."

In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ fragt Mikhail Ilchenko, ob in Russland überhaupt noch kritische Bücher möglich sind - meist nur über Umwege, etwa indem man Bücher im Ausland, aber auf russisch erscheinen lässt, erzählt er. "Obwohl es kein formelles Verbot gibt, ist das Thema 'politische Repressionen' für russische Verlage zu einem Risiko geworden. Die zahlreichen Kontrollen und Einschränkungen, die den Buchmarkt in Russland jüngst erschütterten, haben gezeigt, dass es derzeit keine klaren Spielregeln in diesem Bereich gibt. Die Unklarheit darüber, was zulässig ist und was nicht, hält die gesamte Buchbranche in Atem und zwingt die Verlage zur Selbstzensur."