9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Politik

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2026 - Politik

Im Zeit-Online-Gespräch hat Ephraim Sneh, Brigadegeneral der israelischen Armee im Ruhestand, ehemaliger stellvertretender Verteidigungsminister der sozialdemokratischen Arbeitspartei und heute im Vorstand der regierungskritischen Gruppe "Commanders for Israel's Security", wenig Zweifel daran, dass die israelische Regierung vor hat, die Palästinenser sowohl in Gaza, als auch im Westjordanland loszuwerden, auch wenn es nicht Teil des offziellen Programms ist: "Nehmen Sie zum Beispiel die Politik, Gaza weitgehend zu zerstören. Sie ist nicht durch militärische, professionelle oder operative Erfordernisse bedingt. Sie ist ein klares Signal an die Radikalen in der Koalition: Wir bereiten den Boden für euch. Die Formel lautet: Besatzung, Vertreibung, Siedlung. Am Ende werden die Lebensbedingungen für die zwei Millionen Palästinenser in Gaza so schlecht sein, dass es als humanitäre Geste erscheinen wird, das Gebiet zu evakuieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.09.2026 - Politik

Im Interview mit der SZ sprechen die Journalisten Shahrzad Osterer und Richard C. Schneider über den Irankrieg, Donald Trumps miserable Kriegsführung und Netanjahu. Die beiden pessimistisch zu nennen wäre Schönfärberei: "Selbst wenn Trump beide Häuser verlieren würde, beruhigt mich das gar nicht. Im Gegenteil: Es könnte gut sein, dass er sich dann in die Außenpolitik stürzt, für die braucht er die Parlamente am wenigsten - und dass er dort noch erratischer agiert. Dass er nur wartet, bis die Midterms rum sind, um wieder Krieg zu führen, ist möglicherweise mehr als nur ein Gerücht", fürchtet Schneider. Und auch bei Israel ist er nicht sicher, dass Netanjahu die nächsten Wahlen verlieren wird: "Unser Bild von einem liberalen Israel entspricht schon lange nicht mehr der Realität. Die Demografie ist massiv zugunsten der Ultraorthodoxen und der Siedler verschoben, und es gibt innerhalb des Judentums neue radikalisierte Strömungen." Was Veränderungen im Iran angeht, ist Osterer einen Hauch optimistischer: "Ich zitiere immer Ali Fathollah-Nejad, der sagt: In Iran läuft ein revolutionärer Prozess. Seit 1999 kommt es immer wieder zu Protesten, doch während die Forderungen lange reformorientiert waren, stellen die Menschen seit etwa zehn Jahren ganz offen die Systemfrage. Anders als Trump sind sie nicht mehr bereit für faule Kompromisse. Sie wollen das Ende der Islamischen Republik."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2026 - Politik

Kamel Daoud kommt in Le Point nochmal auf die offiziellen Äußerungen des heutigen Bürgermeisteres Zohran Mamdani zum 11. September zurück - Mamdani hatte von einer "Tragödie" gesprochen. "In seinen Worten leugnet Mamdani den Terrorismus nicht. Er spricht von den 'schrecklichen Terroranschlägen vom 11. September', ohne die Ideologie des Islamismus zu benennen. Hinter Mamdanis blumiger Rhetorik erkennt Daoud eine Entkörperlichung, die ihn an die eigene Geschichte erinnert: "In Algerien sprach man in den ersten Jahren nach der Rückkehr des 'Friedens' in offiziellen Verlautbarungen, in den Medien und im Gedenken von einer 'nationalen Tragödie', um den Bürgerkrieg zu bezeichnen, der mindestens 150.000, vielleicht sogar bis zu 250.000 Todesopfer forderte... Die Bezeichnung 'nationale Tragödie', die nach und nach zum Diskurs wurde, diente einer sehr weitreichenden Amnestie zugunsten islamistischer Strömungen und bewaffneter Gruppen. Bei der 'Charta für Frieden und nationale Versöhnung', die 2005 unter Bouteflika verabschiedet wurde, ging es nicht nur darum, einen Krieg zu beenden; es ging darum, die Fragen, die Verantwortlichkeiten, die Verbrechen und die Verschwundenen zu begraben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2026 - Politik

Der Genozidvorwurf gegen Israel wird nicht selten von jenen vorgebracht, die zugleich die Singularität des Holocaust in Frage stellen. Beides dient der Delegitimierung des Staates Israel, schreibt Norman JW Goda, Professor für Holocaust-Studien an der University of Florida, in einem Essay für den Telegraph. Juristisch aber halten die Vorwürfe gegen Israel nicht stand, so Goda, anders als etwa bei dem jüngst prunkvoll beigesetzten Ratko Mladić, dem Massenmörder von Srebrenica, dem eine klare Absicht nachgewiesen wurde. "Im Fall Mladić umfasste das Urteil über die strafrechtliche Schuld mehr als 2.500 Seiten, die das Ergebnis von zwölf Jahren akribischer Arbeit von Richtern, Gerichtsschreibern, Staatsanwälten, Verteidigern, forensischen Sachverständigen und vielen anderen waren. Dieses Urteil zeugt zudem von einer ausgeprägten Demut angesichts der schrecklichen Ereignisse selbst sowie von der Verantwortung des Gerichts gegenüber dem Gesetz und der Geschichte. Bei allem Gerede über die Unantastbarkeit des Völkerrechts haben Israels Ankläger dieses rücksichtslos missbraucht und es dabei - vielleicht für alle Zeiten - zu einer Karikatur gemacht." Bereits vor über einem Jahr haben wir auf einen weit ausführlicheren Text Godas zum Thema verlinkt (unser Resümee).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2026 - Politik

Die Migranten von Ceuta waren zum größten Teil junge Männer. Aber Mädchen waren auch darunter, eine von ihnen war Faten Ben Omar, deren Leiche im Meer vor der spanischen Exklave trieb. Mehrere Zeitungen haben ihre Geschichte recherchiert. Sie war eine Fußballspielerin, die selbstbestimmt leben wollte, schreibt Güner Balci in der SZ. In Marokko könnte sie das nicht: "Das Königreich gilt im Vergleich zu seinen Nachbarstaaten als fortschrittlich, sein Rechtssystem sieht für Frauen in vielen Bereichen des Lebens formal Gleichberechtigung vor. In der Wirklichkeit aber sind Kinderehen und Polygamie weiterhin Realität für viele Mädchen und Frauen. Uneheliche Kinder werden diskriminiert, und alleinerziehende Frauen leben fast immer in prekären Verhältnissen - sowohl wirtschaftlich als auch sozial sind sie am Rand der Gesellschaft. Sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe sowie Schwangerschaftsabbrüche, auch dann, wenn sie die Folge einer Vergewaltigung sind, können strafrechtlich verfolgt werden."

Immer weniger Frauen im Iran tragen Kopftuch, erzählt Teseo La Marca in der taz. Das Regime schafft es offenbar zur Zeit nicht, den Zwang durchzusetzen. Zuletzt hatte es Überwachungskameras eingesetzt - Frauen, die per Gesichtserkennung ohne Hidschab erwischt wurden, bekamen Warnungen per SMS. "Im März dieses Jahres berichtete die Financial Times, dass der Mossad, Israels Geheimdienst, in jene Überwachungskameras, die zur Kontrolle der Bevölkerung eingesetzt wurden, eingedrungen war und auf diese Weise Bewegungsmuster hochrangiger Funktionäre und Militärs nachverfolgen konnte. So soll es dem israelischen Militär schließlich sogar gelungen sein, Irans Staatschef Ali Chamenei zu töten. Zana Rahimi vermutet, dass in Regierungskreisen schon nach dem 12-Tage-Krieg der Verdacht aufkam, die Überwachungskameras könnten infiltriert sein. Tatsache ist, dass die iranische Regierung plötzlich auf ihre Nutzung verzichtete - auch das führte zu einer neu gewonnenen Kleidungsfreiheit."

Es  fällt auf, dass sich die Zeitungen beim Gedenken an den 11. September weniger auf die Tat und die bleibende Herausforderung des islamischen Faschismus konzentrieren als auf die amerikanische Reaktion, die mit Überwachung, Krieg und neuen Gewaltbegründungen tatsächlich bis dahin geltende Standards verletzte (wenn man nicht gleicht titelt wie tagesschau.de: "Was New Yorks Muslime nach 9/11 durchmachen mussten"). Das Völkerrecht sei bis heute unterminiert, schreibt der Politologe Hendrik Simon in der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ. Schön dass es Politologie gibt, im übrigen! Hätte man Simon gefragt, wäre auch nach dem 7. Oktober alles ganz anders gekommen: "Auch hier war eine umfassende militärische Eskalation nicht alternativlos: Nach einer militärischen Abwehr der Hamas-Terroristen hätte auf einen politischen Weg gesetzt werden können, auf frühzeitige Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln, auf die Entwicklung einer strategischen Antwort unter Einbindung regionaler Akteure und langfristig auf eine politische Lösung des Konflikts unter Einbindung der Palästinensischen Autonomiebehörde."

Nicht durch Politologie, sondern durch Polizeiarbeit wurde ein verheerender Terrorangriff der Hamas in Berlin vereitelt, berichtet unterdessen Per Hinrichs in der Welt am Sonntag: Ein vollautomatisches Sturmgewehr der Marke Crvena Zastava, acht halbautomatische Pistolen des Typs Glock 26 und mehr als 600 Schuss scharfe Munition hatte die Terrorgruppe in Berlin bereits gehortet. Dass Attentate in Europa geplant werden, ist übrigens ein Strategiewechsel, so Hinrichs, bisher nutzte die Hamas Europa als Rückzugsraum, wie die Welt der ihr vorliegenden Anklageschrift der Staatsanwaltschaft entnimmt. Die Pläne waren konkret: "Der Anschlag sollte exakt um den 7. Oktober 2025 - den zweiten Jahrestag des Massakers in Israel - in Wien und Berlin zeitgleich oder in enger Abfolge durchgeführt werden. Als Primärziele galten israelische Diplomaten, jüdische Gemeindezentren sowie pro-israelische Demonstrationen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2026 - Politik

Die taz bringt nochmal ein Dossier zum 11. September. Derya Türkmen erinnert sich, wie sie als Kind die Plattform der Twin Towers besuchte. Dann kam der Anschlag und änderte alles. Für die Opfer vielleicht auch, aber besonders für ihre Community: "Durch den 11. September war im Westen ein neues Feindbild entstanden: der islamistische Terrorist. Geprägt wurde es von einem Namen: Osama bin Laden. Der Anführer des für die Anschläge verantwortlichen Terrornetzwerks al-Qaida war mit seinem Bart und Turban in den Nachrichten allgegenwärtig. Seine Bilder prägten die Vorstellung davon, wie ein gefährlicher muslimischer Mann aussah. Und Murat Türkmen, mein Vater, passte nun ebenfalls in dieses Bild. Türkischer Pass. Schwarze Haare. Bart. Mit al-Qaida hatte er nichts zu tun. Wie religiös er war, interessierte in diesem Moment niemanden. In Deutschland wurde immer mehr über 'den Islam' gesprochen. Über Terrorismus, aber auch über Kopftücher." Auch Daniel Bax beklagt in der taz den "Generalverdacht", unter den Muslime seit dem 11. September gestellt würden. Maiyra Chaudhry prangert die "Welle an Rassismus" an, die bis heute spürbar sei. Karim El-Gawhary konstatiert, dass sich die arabische Welt kaum mehr für al-Qaida interessiere, dringlicher stelle sich die Palästinafrage. Sebastian Moll beklagt die in New York nach Nine-Eleven einsetzende "Turbo-Gentrifizierung". Mehr fällt der taz nicht ein.

In der Welt erinnern sich Henryk M. Broder und Reinhard Mohr, wie unmittelbar nach den Anschlägen eine Täter-Opfer-Umkehr stattfand. So beklagte der katholischen Moraltheologe Eugen Drewermann noch am selben Abend im Radio eine "Araberphobie in unserer Kultur": "Das war nicht nur die Ansicht eines verwirrten Moraltheologen, es war auch die Botschaft der Friedensbewegten, die in den folgenden Tagen gegen den amerikanischen Imperialismus überall in Deutschland mit der schlichten, aber ergreifenden Parole auf die Straße gingen: 'So was kommt von so was'", was sich auch zwei Tage später bei einer vom Senat veranstalteten Diskussion im Haus der Kulturen zeigte. Es wurde "ein öffentliches Gespräch, das sich vor allem durch seine Kaltschnäuzigkeit auszeichnete. Ein Kulturschaffender nach dem anderen ergriff das Wort, um die Politik der USA zu verurteilen, die in dem Desaster vom 11. September ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hatte. Es könnte noch schlimmer kommen, warnten sie, wenn die USA so weitermachten wie bisher. Keine Spur von Empathie für die Opfer des Anschlags, dafür jede Menge Selbstüberhebung und auch eine seltsame Neigung zum Gruseligen, wenn Kultursenatorin Goehler und Professor Benz über die 'phallische Symbolik der Türme' witzelten."

Es dauerte nicht lang, bis den Juden Schuld an Nine-Eleven gegeben wurde, erinnert Hannes Stein in der Jüdischen Allgemeinen: "Nach dem 11. September erschienen in Deutschland gleich drei Bestseller, in denen rabenschwarz auf blütenweiß zu lesen war, der Mossad habe die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon eingefädelt."

Im Interview mit der SZ kritisiert die Extremismusexpertin Farah Pandith die "antimuslimische Rhetorik", die nach den Anschlägen in den USA eingesetzt habe, wie sie im Auftrag der Bush-Regierung herausfand: "Ich bemerkte, dass der 11. September einen enormen Einfluss auf sie hatte. Junge europäische Muslime waren verwirrt und unsicher bezüglich ihrer Identität. Sie wurden als 'die anderen' behandelt und hatten das Gefühl, nicht dazuzugehören. Die Mehrheitsgesellschaft vermittelte ihnen, dass sie beispielsweise nicht Belgier und Muslim sein könnten. Die 'Wir gegen die anderen'-Mentalität schürte Unsicherheit. Und böswillige Akteure haben ein leichtes Spiel, wenn sich jemand seiner Identität unsicher ist." Ob auch die Anschläge selbst zu einer Identitätskrise führten, sagt sie nicht.

Andreas Kilb schafft es in der FAZ immerhin, die Täter zu benennen: "Die Täter waren Islamisten, die im Auftrag eines saudi-arabischen Multimillionärs handelten. Bis dahin hatte der Islamismus als Bewegung fanatischer Hinterwäldler gegolten. Seit dem 11. September steht fest, dass er in die Elite der islamischen Gesellschaften eingedrungen ist. Die Männer, die die entführten Flugzeuge in die Türme und ins Pentagon steuerten, stammten aus dem Bürgertum des Nahen Ostens. Dreizehn Jahre später rekrutierte der Islamische Staat Tausende Kämpfer für sein unmenschliches Regime in den Ländern Westeuropas. Die islamistische Ideologie, über soziale Medien verbreitet, nistet im Herzen der westlichen Welt." Und in gewisser Hinsicht habern sie gesiegt, so Kilb, zumindest eines ihrer wichtigsten Ziele haben sie erreicht: "die Destabilisierung der globalen Ordnung, die sich nach dem Ende des Kalten Krieges herausbildete und in deren Zentrum die Vereinigten Staaten als Vormacht des Westens standen." Jürgen Kaube ergänzt mit einigen eher abstrakten Erwägungen, bemerkt aber auch, dass die "Feinderklärung, die der westlichen Lebensweise, Politik und Moral mittels eines blutigen Terrorakts entgegengeschleudert wurde, im öffentlichen Bewusstsein kaum mehr eine Rolle" spielt.

Für den von Lena Bopp für die FAZ befragten irakischen Schriftsteller Sinan Antoon ist dann schon wieder der Westen an allem schuld - der Terrorismus sei nur Reflex, etwa auf den Irak-Krieg. "Es war ein neokolonialer Krieg, der von den USA und Großbritannien geführt wurde. Der Kolonialismus selbst ist der Fehler, oder besser gesagt: das Verbrechen."

Im Interview mit der SZ sieht der Historiker Timothy Snyder die Reaktionen auf 9/11 vor allem als Folge verpasster Möglichkeiten: "Die Geschichte ist voller Terrorakte. Die eigentliche Frage, sagte ich den Studierenden an jenem Tag, ist, was als Nächstes geschieht: Man kann nicht jedes schreckliche Ereignis verhindern. Aber die Freiheit beginnt mit der Reaktion darauf. Traurigerweise haben wir Amerikaner genau so reagiert, wie es sich die Terroristen gewünscht hatten; ja, wir haben ihre Erwartungen vermutlich noch übertroffen und die Welt für uns selbst und für alle anderen zu einem schlechteren Ort gemacht. Die naheliegende Antwort auf den 11. September hätte darin bestanden, uns von den fossilen Brennstoffen zu befreien. Ohne unsere Abhängigkeit vom Öl wären wir schließlich nie in den Strudel des Nahen Ostens geraten. Hätten wir uns auf saubere Energiequellen konzentriert, hätten wir die globale Erwärmung eindämmen, weitere Kriege im Nahen Osten verhindern und den Aufstieg der von Kohlenwasserstoff getragenen Oligarchie des russischen Präsidenten Wladimir Putin verhindern können. Es kam anders."

Die von Kaube beschworene Feinderklärung kam aus Hamburg: "Hamburg war der Ort, an dem die Anschläge vorbereitet wurden. Den Moment, als mir das klar wurde, werde ich nie vergessen", sagt die Spiegel-Reporterin Cordula Meyer im Gespräch mit FAZ-Redakteurin Sandra Kegel. Meyer hat jahrelang zu den Attentätern recherchiert. Die Attentäter hatten an der Uni Hamburg-Harburg studiert, wo sie sehr beliebt waren: "Die Uni Hamburg-Harburg erklärte sofort, sie sei ein weltoffener Ort und das werde sie bleiben. Aber manchmal kam es mir so vor, als fühlten sie sich betrogen. Atta war ein guter, engagierter Student gewesen, auch andere hatten tatsächlich studiert und Prüfungen abgelegt. Sie galten als Aushängeschilder für eine gelungene Integration. Dass aus ihrer Mitte heraus so etwas geplant werden würde, das konnten sich die Leute an der Uni nicht vorstellen."

Und Majd El-Safadi hat ebenfalls für die FAZ den Stadtplaner Jörg Lewin getroffen, bei dem der Attentäter Atta als studentische Hilfskraft arbeitete: "Bei einem Auftrag für die Stadt Neuruppin nahm der Stadtplaner seine studentische Hilfskraft mit. Es ging um die Sanierung der Altstadt. Mohammed Atta sei stundenlang durch den Ort gelaufen, um seine Zeichnungen zu perfektionieren: 'Das hat er bis zur Bewusstlosigkeit gemacht', sagt Lewin am Telefon. Sie kamen in der Nähe unter, im Hotel Waldeck im Ort Dorf Zechlin, saßen auf der Terrasse, aßen und sprachen viel miteinander: 'Er hat richtig gut Deutsch gesprochen.'"

Der radikale Islamismus hat seinen Höhepunkt überschritten, ist der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy im Interview mit der FR überzeugt. Auch wenn der "Krieg gegen den Terror" keine Gewinner hervorgebracht habe: "die Hauptverlierer sind die Dschihadisten und die Radikalen", meint er. Bei der dritten Generation habe der Dschihadismus denn auch deutlich an Attraktion verloren. Früher war er "ein attraktives Narrativ für Rebellen ohne eigentliches Anliegen: Man konnte sicher sein, Schlagzeilen zu machen und die 'Bourgeoisie' in Angst und Schrecken zu versetzen, wenn man dem IS die Treue schwor." Heute ziehe der Dschihad "vor allem junge Migranten mit prekärem Aufenthaltsstatus an, die weder Aufenthaltspapiere noch politisches Asyl erhalten haben. Sie sind die neuen Verlierer."

Im Interview mit Zeit online verteidigt Claus Kleber, damals ARD-Korrespondent in Washington, die Entscheidung, Bilder von dem Anschlag im Fernsehen zu zeigen: "Weil es nicht unser Beruf ist, die Wahrheit zu verbergen. Wir vermitteln Fakten. Wir waren uns im Studio aber schnell einig: Wir sind keine Marktschreier. Jede Verwendung dieser furchtbaren Bilder muss gut überlegt sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2026 - Politik

Der "Krieg gegen den Terror" hat dafür gesorgt, dass die USA den Aufstieg Chinas nicht richtig einschätzen konnten, meint der Politikwissenschaftler Peter Neumann im Interview mit der NZZ. "Der zweite Faktor ist die globale Finanzkrise 2007/08, in der das amerikanische Finanzsystem zusammenbrach. Die Chinesen waren lange Zeit sehr zurückhaltend, sich als Weltmacht zu bezeichnen. Nach dem Krieg gegen den Terror und der globalen Finanzkrise sprachen chinesische Regierungsvertreter erstmals davon, dass sie eine Weltmacht seien und den Wettbewerb mit den USA suchten. Amerika schien plötzlich nicht mehr unbesiegbar." Im Interview mit der FR gibt der ehemalige US-Sicherheitsberater John Bolton, der damals als Unterstaatssekretär für Rüstungskontrolle arbeitete, Einblicke in die internen Abläufe der US-Administration nach den Anschlägen am 11. September.

In einer Nacht kann sich viel auf Donald Trumps Truth Social-Account ereignen: Er postete eine Karte, die einen Bundesstaat in New America umbenannte, eine Karte, auf der Grönland und Island den USA zugeschlagen wurde, und schließlich die "neuen" Grenzen des Irans mit den Umrissen von Trumps Kopf, schreibt Claudius Seidl einigermaßen fassungslos in der SZ. Noch schlimmer: Auf diese Posting-Orgie habe es kaum Reaktionen gegeben, obwohl Trump hier vielen Weltregionen Gewalt androht. "Dass die Welt ihrerseits diesen Donald Trump fast schon verloren gibt, konnte man bald nach jener langen Nacht erkennen. (...) Hätte Xi Jinping so etwas mit einer Karte Ostasiens getan, hätten wohl manche Länder mobilisiert und andere den UN-Sicherheitsrat einberufen. Die Proteste gegen Trumps Karte, die aus Mexiko und Island kamen, klangen eher genervt als wirklich beunruhigt. Es war, als wünschten sich die Nachbarn nur eines: dass Trump sich wieder flüchte in seine KI-generierte Comicwelt. Und nie wieder zurückkehre in die Wirklichkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2026 - Politik

Der Comiczeichner Art Spiegelman ("Maus") lebte in der Nähe der Türme und hat den 11. September hautnah miterlebt. Er hat auch eine Graphic Novel zu dem Ereignis gemacht. Statt Gedenkreden hätte er übermorgen lieber eine lange Schweigeminute, gibt er im Interview mit Lars von Törne und Norbert Thomma vom Tagesspiegel zu. Über die "irren Vollidioten", die die Tausenden New Yorker umgebracht haben, sagt er kaum etwas. Seine Empörung gilt der amerikanischen Reaktion. Auf die Bemerkung des Interviewers, Intellektuelle wie Francis Fukuyama und Samuel P. Huntington hätten Bushs Politik doch unterstützt, antwortet er: "Halt! Das sind doch alles Arschlöcher! Diese Leute marschieren, wenn die Regierung ruft: Marsch! Es gab keine allgemeine Willensäußerung der Intellektuellen. Die Regierung sah das Bild abgeschnittener, kastrierter Türme und reagierte mit Macho-Gehabe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2026 - Politik

Die taz bringt zum Jahrestag des 11. September ein ganzes Dossier von Artikeln, die sich zumeist aber nicht mit dem 11. September befassen, sondern mit anderen Entwicklungen, deren Start man im Jahr 2001 datiert. So erinnert Sven Hansen an den Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation. Paula Irmschler kritisiert die Popdiven seit dem Jahr 2001, die ihrer Meinung nach sexistische Bilder des weiblichen Körpers propagierten ("heute kriechen Sängerinnen noch immer über die Bühne, angeblich freiwillig"). Konstantin Nowotny schreibt über das Internet und den Aufstieg der Tech-Bros. 

Bei den Artikeln des taz-Dossiers fehlt erstaunlicher Weise ein Text, der die Verwüstungen des Islamismus seit diesem Datum reflektiert, geschweige denn, dass das Verhältnis der Linken zum Islamismus aufgearbeitet würde. Statt dessen schreibt Christian Jakob über die Verschwörungstheorien, die seit dem Datum blühen. Immerhin findet sich darin ein selbstkritischer Blick auf die eigene Zeitung. "Komplexitätsreduktion, Ordnung, Sinn, Zugehörigkeitsgefühl. Sie lassen Kompliziertes weniger bedrohlich erscheinen. Je mehr Menschen Vertrauen in die Institutionen verlieren, desto leichter finden sie in Verschwörungserzählungen die Erklärung für deren vermeintliches Versagen. Wer diese Bedürfnisse bedient, kann äußerst populär werden. Ein prominentes Beispiel bietet etwa die taz-Historie. Deren Mitgründer Mathias Bröckers schrieb auf dem Portal Telepolis ein millionenfach geklicktes 'konspirologisches Tagebuch' über 9/11. Seine daraus entstandenen Bücher wurden Bombenerfolge. Bröckers reiste zur Recherche nicht etwa in die USA, sondern googelte. Das Etikett 'Verschwörungstheoretiker' sei ein Instrument, 'offizielle Narrative' gegen kritische Nachfragen zu schützen, so Bröckers damals. 2002 durfte er in der taz die offizielle 9/11-Darstellung 'grotesk' und 'lachhaft' nennen und raunen, es werde nicht weiter ermittelt, 'weil überall die eigenen Leute dahinterstecken.' Erst 2011, im dritten taz-Interview mit ihm zu dem Thema, wurde er kritischer angegangen." Jan Pfaff thematisiert in einem zweiten Artikel zum direkten Kontext des 11. September die seitdem verschärfte Sicherheitspolitik der Bundesregierung und der Behörden.

Ähnlich wie die taz versagt im Grunde auch die SZ vor dem 11. September. Nichts über Islamismus, nichts über die Verbindung vom 11. September zum 7. Oktober. Statt dessen eine Seite 3-Reportage über Angehörige von Opfern (immerhin), im politischen Teil erzählt Reymer Klüwer, "wie die USA vom Helden zum Wüterich wurden". Im Feuilleton erzählt Jörg Häntzschel, der zur Zeit des Anschlags in New York lebte und ihn mit ansah, beeindruckend über seine Erlebnisse. Aber auch bei ihm ist dann die Reaktion der Amerikaner wichtiger als die Sache selbst: "Die Anschläge hinterließen bei den Amerikanern Angst vor tieffliegenden Flugzeugen, Angst vor Bomben, Angst vor Muslimen. Doch statt zu versuchen, ihnen diese Ängste zu nehmen, mobilisierten Medien und Politik ihr enormes Potenzial. Sie warnten auch deshalb lieber zu viel als zu wenig, um nicht noch einmal unvorbereitet zu erscheinen. Fast täglich wurden Gebäude evakuiert, U-Bahnen gestoppt. Und der freundliche Nachbar, den man eben erst kennengelernt hatte: War er vielleicht ein 'Schläfer', der auf seinen Befehl zum Angriff wartete?"

Verwiesen sei nochmal auf Souad Mekhennets großartigen Artikel über den 11. September in der FAZ (unser Resümee).
Stichwörter: 11. September

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2026 - Politik

In der taz resümiert Klaus Hillenbrand die Jahrestagung der Tel-Hai-Universität in Kooperation mit der Touro-University in Berlin zum Thema 7. Oktober. Es geht um die direkten und indirekten Auswirkungen des Massakers, aber auch um die Rolle der Shoah in der israelischen Gesellschaft heute. Die israelische Historikerin Hanna Yablonka kritisierte die Regierung und "appelliert: 'Konsequenzen aus der Shoah, das ist eine Verpflichtung. Heute müssen sich die Israelis fragen: Ziehen wir die richtigen Konsequenzen? Keiner kann dir sagen, welche Konsequenzen richtig sind. Du musst es selbst herausfinden.' Doch Yablonka gibt eine Antwort: 'Die Shoah siegt über den Zionismus', kritisiert sie. Die Shoah sei nicht nur Begründung für Israels Existenz geworden, sondern auch Begründung für Militarisierung und Rache."

Am 27. Oktober finden die Wahlen in Israel statt. Bei Middle East uncovered gibt der palästinensische Aktivist Hamza Howidy einen Überblick über die Kandidaten und deren Intentionen für die "Palästina-Frage". Der rechtsextremen Likud unter Benjamin Netanjahu steht die zentristische Partei Jaschar mit Gadi Eisenkot an der Spitze gegenüber, der mittlerweile in den Umfragen vorne liegt: "Der Unterschied zwischen den Plänen der aktuellen Koalition und der Opposition besteht darin, dass die Koalition den Bau weiterer Siedlungen und die vollständige Annexion des Westjordanlandes verspricht. Die rechtsextremen Parteien fordern zudem die Auflösung des durch die Oslo-Abkommen geschaffenen Rahmens. Diese Abkommen aus den 1990er-Jahren schufen eine begrenzte palästinensische Selbstverwaltung in Teilen des Westjordanlandes und sollten zu einem umfassenderen israelisch-palästinensischen Friedensabkommen führen. Oppositionelle wie Gadi Eisenkot und Bennet lehnen zwar die Annexion (...) ab, haben aber nicht die Absicht, den Siedlungsausbau zu stoppen oder bestehende Siedlungen zu räumen. Ihrer Ansicht nach sollte man hart gegen gewalttätige Siedler vorgehen, da diese Israels Ansehen schädigen."
Stichwörter: Israel Hamas, Howidy, Hamza