Die
taz bringt nochmal ein Dossier zum
11. September. Derya Türkmen
erinnert sich, wie sie als Kind die Plattform der Twin Towers besuchte. Dann kam der Anschlag und änderte alles. Für die Opfer vielleicht auch, aber besonders
für ihre Community: "Durch den 11. September war im Westen
ein neues Feindbild entstanden: der islamistische Terrorist. Geprägt wurde es von einem Namen: Osama bin Laden. Der Anführer des für die Anschläge verantwortlichen Terrornetzwerks al-Qaida war mit seinem Bart und Turban in den Nachrichten allgegenwärtig. Seine Bilder prägten die Vorstellung davon, wie ein
gefährlicher muslimischer Mann aussah. Und Murat Türkmen, mein Vater, passte nun ebenfalls in dieses Bild. Türkischer Pass. Schwarze Haare. Bart. Mit al-Qaida hatte er nichts zu tun. Wie religiös er war, interessierte in diesem Moment niemanden. In Deutschland wurde immer mehr über 'den Islam' gesprochen. Über Terrorismus, aber auch über
Kopftücher." Auch Daniel Bax
beklagt in der
taz den "Generalverdacht", unter den Muslime seit dem 11. September gestellt würden.
Maiyra Chaudhry prangert die "Welle an Rassismus" an, die bis heute spürbar sei. Karim El-Gawhary konstatiert, dass sich die arabische Welt kaum mehr für al-Qaida interessiere, dringlicher stelle sich die
Palästinafrage. Sebastian Moll
beklagt die in New York nach Nine-Eleven einsetzende "
Turbo-Gentrifizierung". Mehr fällt der
taz nicht ein.
In der
Welt erinnern sich Henryk M. Broder und Reinhard Mohr, wie unmittelbar nach den Anschlägen eine
Täter-Opfer-Umkehr stattfand. So beklagte der katholischen Moraltheologe
Eugen Drewermann noch am selben Abend im Radio eine "
Araberphobie in unserer Kultur": "Das war nicht nur die Ansicht eines verwirrten Moraltheologen, es war auch die Botschaft der Friedensbewegten, die in den folgenden Tagen gegen den amerikanischen Imperialismus überall in Deutschland mit der schlichten, aber ergreifenden Parole auf die Straße gingen: 'So was kommt von so was'", was sich auch zwei Tage später bei einer vom Senat veranstalteten Diskussion im Haus der Kulturen zeigte. Es wurde "ein öffentliches Gespräch, das sich vor allem durch
seine Kaltschnäuzigkeit auszeichnete. Ein Kulturschaffender nach dem anderen ergriff das Wort, um die Politik der USA zu verurteilen, die in dem Desaster vom 11. September ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hatte. Es könnte noch schlimmer kommen, warnten sie, wenn die USA so weitermachten wie bisher.
Keine Spur von Empathie für die Opfer des Anschlags, dafür jede Menge Selbstüberhebung und auch eine seltsame Neigung zum Gruseligen, wenn
Kultursenatorin Goehler und
Professor Benz über die 'phallische Symbolik der Türme' witzelten."
Es dauerte nicht lang, bis
den Juden Schuld an Nine-Eleven gegeben wurde,
erinnert Hannes Stein in der
Jüdischen Allgemeinen: "Nach dem 11. September erschienen in Deutschland gleich drei Bestseller, in denen rabenschwarz auf blütenweiß zu lesen war,
der Mossad habe die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon eingefädelt."
Im Interview mit der
SZ kritisiert die
Extremismusexpertin Farah Pandith die "antimuslimische Rhetorik", die nach den Anschlägen in den USA eingesetzt habe, wie sie im Auftrag der Bush-Regierung herausfand: "Ich bemerkte, dass der 11. September einen enormen Einfluss auf sie hatte.
Junge europäische Muslime waren verwirrt und unsicher bezüglich ihrer Identität. Sie wurden als 'die anderen' behandelt und hatten das Gefühl, nicht dazuzugehören. Die Mehrheitsgesellschaft vermittelte ihnen, dass sie beispielsweise nicht Belgier und Muslim sein könnten. Die 'Wir gegen die anderen'-Mentalität schürte Unsicherheit. Und böswillige Akteure haben ein leichtes Spiel, wenn sich jemand seiner Identität unsicher ist." Ob auch
die Anschläge selbst zu einer Identitätskrise führten, sagt sie nicht.
Andreas Kilb schafft es in der
FAZ immerhin,
die Täter zu benennen: "Die Täter waren Islamisten, die im Auftrag eines
saudi-arabischen Multimillionärs handelten. Bis dahin hatte der Islamismus als Bewegung fanatischer Hinterwäldler gegolten. Seit dem 11. September steht fest, dass er in die Elite der islamischen Gesellschaften eingedrungen ist. Die Männer, die die entführten Flugzeuge in die Türme und ins Pentagon steuerten, stammten
aus dem Bürgertum des Nahen Ostens. Dreizehn Jahre später rekrutierte der Islamische Staat Tausende Kämpfer für sein unmenschliches Regime in den Ländern Westeuropas. Die islamistische Ideologie, über soziale Medien verbreitet, nistet im Herzen der westlichen Welt." Und in gewisser Hinsicht habern sie gesiegt, so Kilb, zumindest eines ihrer wichtigsten Ziele haben sie erreicht: "die Destabilisierung der globalen Ordnung, die sich nach dem Ende des Kalten Krieges herausbildete und in deren Zentrum die Vereinigten Staaten als Vormacht des Westens standen." Jürgen Kaube ergänzt mit einigen eher abstrakten Erwägungen, bemerkt aber auch, dass die "
Feinderklärung, die der westlichen Lebensweise, Politik und Moral mittels eines blutigen Terrorakts entgegengeschleudert wurde, im öffentlichen Bewusstsein kaum mehr eine Rolle" spielt.
Für den von Lena Bopp für die
FAZ befragten irakischen
Schriftsteller Sinan Antoon ist dann schon wieder
der Westen an allem schuld - der Terrorismus sei
nur Reflex, etwa auf den Irak-Krieg. "Es war ein neokolonialer Krieg, der von den USA und Großbritannien geführt wurde.
Der Kolonialismus selbst ist der Fehler, oder besser gesagt: das Verbrechen."
Im Interview mit der
SZ sieht der
Historiker Timothy Snyder die Reaktionen auf 9/11 vor allem als Folge verpasster Möglichkeiten: "Die Geschichte ist voller Terrorakte. Die eigentliche Frage, sagte ich den Studierenden an jenem Tag, ist, was als Nächstes geschieht: Man kann nicht jedes schreckliche Ereignis verhindern. Aber die
Freiheit beginnt mit der Reaktion darauf. Traurigerweise haben wir Amerikaner genau so reagiert, wie es sich die Terroristen gewünscht hatten; ja, wir haben ihre Erwartungen vermutlich noch übertroffen und die Welt für uns selbst und für alle anderen zu einem
schlechteren Ort gemacht. Die naheliegende Antwort auf den 11. September hätte darin bestanden, uns von den fossilen Brennstoffen zu befreien. Ohne unsere Abhängigkeit vom Öl wären wir schließlich nie in den Strudel des Nahen Ostens geraten. Hätten wir uns auf
saubere Energiequellen konzentriert, hätten wir die globale Erwärmung eindämmen, weitere Kriege im Nahen Osten verhindern und den Aufstieg der von Kohlenwasserstoff getragenen Oligarchie des russischen Präsidenten
Wladimir Putin verhindern können. Es kam anders."
Die von Kaube beschworene Feinderklärung kam
aus Hamburg: "Hamburg war der Ort, an dem die Anschläge vorbereitet wurden. Den Moment, als mir das klar wurde, werde ich nie vergessen", sagt die
Spiegel-Reporterin Cordula Meyer im Gespräch mit
FAZ-Redakteurin Sandra Kegel. Meyer hat jahrelang zu den Attentätern recherchiert. Die Attentäter hatten an der
Uni Hamburg-Harburg studiert, wo sie sehr beliebt waren: "Die Uni Hamburg-Harburg erklärte sofort, sie sei ein weltoffener Ort und das werde sie bleiben. Aber manchmal kam es mir so vor, als fühlten sie sich betrogen. Atta war ein guter, engagierter Student gewesen, auch andere hatten
tatsächlich studiert und Prüfungen abgelegt. Sie galten als Aushängeschilder für eine
gelungene Integration. Dass aus ihrer Mitte heraus so etwas geplant werden würde, das konnten sich die Leute an der Uni nicht vorstellen."
Und Majd El-Safadi hat ebenfalls für die
FAZ den
Stadtplaner Jörg Lewin getroffen, bei dem der
Attentäter Atta als studentische Hilfskraft arbeitete: "Bei einem Auftrag für die
Stadt Neuruppin nahm der Stadtplaner seine studentische Hilfskraft mit. Es ging um die Sanierung der Altstadt. Mohammed Atta sei stundenlang durch den Ort gelaufen, um seine Zeichnungen zu perfektionieren: 'Das hat er bis zur Bewusstlosigkeit gemacht', sagt Lewin am Telefon. Sie kamen in der Nähe unter, im Hotel Waldeck im Ort Dorf Zechlin, saßen auf der Terrasse, aßen und sprachen viel miteinander: 'Er hat
richtig gut Deutsch gesprochen.'"
Der
radikale Islamismus hat seinen Höhepunkt überschritten, ist der französische
Politikwissenschaftler Olivier Roy im Interview mit der
FR überzeugt. Auch wenn der "Krieg gegen den Terror" keine Gewinner hervorgebracht habe: "die
Hauptverlierer sind die Dschihadisten und die Radikalen", meint er. Bei der dritten Generation habe der Dschihadismus denn auch deutlich an Attraktion verloren. Früher war er "ein attraktives Narrativ für Rebellen ohne eigentliches Anliegen: Man konnte sicher sein, Schlagzeilen zu machen und die 'Bourgeoisie' in Angst und Schrecken zu versetzen, wenn man dem IS die Treue schwor." Heute ziehe der Dschihad "vor allem junge Migranten mit prekärem Aufenthaltsstatus an, die weder Aufenthaltspapiere noch politisches Asyl erhalten haben. Sie sind die neuen Verlierer."
Im Interview mit
Zeit online verteidigt
Claus Kleber, damals
ARD-Korrespondent in Washington, die Entscheidung,
Bilder von dem Anschlag im Fernsehen zu zeigen: "Weil es nicht unser Beruf ist, die Wahrheit zu verbergen. Wir vermitteln Fakten. Wir waren uns im Studio aber schnell einig: Wir sind keine Marktschreier. Jede Verwendung dieser furchtbaren Bilder muss gut überlegt sein."