9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2026 - Geschichte

Neulich atmete die deutsche Öffentlichkeit auf. Endlich schien der Anschlag auf das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde in München im Jahr 1970 geklärt. Sieben Bewohner, Holocaust-Überlebende, sind bei diesem Anschlag ermordet worden. Nachdem sich eine Zeugin vom Hörensagen gemeldet hatte, identifizierte die Polizei einen Rechtsextremisten, der vor einigen Jahren gestorben ist. Aber Wolfgang Kraushaar, der lange zu dem Fall recherchiert hat, ist sich im Perlentaucher sicher: "Der Fall Reichenbachstraße darf auch heute noch nicht zu den Akten gelegt werden." Er hält den von der Staatsanwaltschauft heute geschilderten Tathergang für äußerst unplausibel. Der Täter soll unmittelbar vor der Brandstiftung im jüdischen Altenheim einen Juwelierladen in der Nähe überfallen haben. "Nach Darstellung der Justizbehörde soll das Haus der Israelitischen Kultusgemeinde bereits 15 Minuten nach dem erfolglosen Überfall auf das Juweliergeschäft in Flammen gestanden haben. Von der Entfernung her, die sich in nur wenigen Minuten zurücklegen lässt, wäre das durchaus machbar. Aber auch vorstellbar? Zunächst einmal dürfte es ziemlich unwahrscheinlich sein, dass jemand, der gerade von einem Überfall kommt und sich danach wohl schleunigst in Sicherheit zu bringen versucht, sich nun gleich in sein nächstes Abenteuer stürzt." Und "Nach allem, was den Ermittlern der damaligen Sonderkommission bekannt war... ist die Brandstiftung von langer Hand geplant gewesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.09.2026 - Geschichte

In ihrer aktuellen Ausstellung "Umstrittene Verwandtschaft" im Deutschen Historischen Museum in Berlin stellen deren Präsident Raphael Gross und der die Ausstellung kuratierende Historiker Stephan Malinowski die Frage, ob sich nationalsozialistische und koloniale Gewalt vergleichen lassen. Methodisch ziele man auf die Unterscheidungsfähigkeit, erklärt Gross im FAS-Gespräch mit Andreas Kilb und Tania Martini: "Zwangsarbeit und extreme Formen der Ausbeutung finden wir in beiden Gewaltzusammenhängen. Dann gibt es aber Punkte, an denen die Parallelen aufhören. Die Ausstellung erzählt, wie etwa fünfzehnhundert Juden aus Rhodos gemeinsam mit der jüdischen Bevölkerung anderer griechischer Inseln noch im Sommer 1944 über Tausende von Kilometern per Schiff und mit Zügen nach Auschwitz gebracht werden, um dort ermordet zu werden. Dafür gibt es keine ökonomische, militärische oder wie auch immer geartete Erklärung außer dem schieren Vernichtungswillen." Und Malinowski ergänzt: "Mir erscheint der von Claus Leggewie geprägte Begriff des Extraktivismus hilfreich, um die koloniale Logik zu beschreiben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.09.2026 - Geschichte

In der NZZ erinnert der Historiker Ekkehard Kraft daran, dass es Sklaverei auf der ganzen Welt lange vor dem westlichen Kolonialismus gab: "So kannte man sie auch auf der Arabischen Halbinsel schon vor der Entstehung des Islams im 7. Jahrhundert. Während der raschen Expansion strömte eine große Zahl Kriegsgefangener als Sklaven in das neu entstandene Großreich." Die meisten kamen übrigens aus Osteuropa. "Griechisch 'sklavos' beziehungsweise lateinisch 'sclavus' bezeichnete ursprünglich als Volksname die Slawen, bevor das Wort einen Bedeutungswandel durchmachte, der von den meisten europäischen Sprachen übernommen wurde. Selbst im Arabischen bezeichnete 'saqaliba' nicht nur - bis heute - die Slawen als Volksgruppe, sondern diente auch als Synonym für Sklaven. Der Sklavenhandel mit Osteuropäern lag anfangs in der Hand von Wikingern, später dann von Genuesen und Venezianern. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts führte das Khanat der Krimtataren, ein Vasallenstaat des Osmanischen Reichs, im Durchschnitt fast alle zehn Jahre große Menschenjagden und Plünderungszüge in den angrenzenden Gebieten durch, die bis weit in die heutige Ukraine und nach Polen führten. Bis zu zweieinhalb Millionen Osteuropäer wurden auf diese Weise vom Ende des 15. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in den muslimischen Raum verschleppt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2026 - Geschichte

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Die Welt veröffentlicht Briefe von Holocaustüberlebenden, die direkt nach  1945 geschrieben wurden - die Veröffentlichung basiert auf einem Band der Gedenkstätte Yad Vashem, der demnächst auf deutsch erscheint. Die Überlebende Syme Zosim Rysav schreibt am 13. Oktober an ihren Bruder: "Nadénko wir haben keine Mutter - sie ist vergast - das herrlichste u. göttlichste ist uns auf so bestialische Art genommen worden. Dann ging ich mit Fritz ab - u. zw. [und zwar] nach Auschwitz. Bei d. Ankunft wurden wir separiert - u. Fritz, der Mann den ich so unendlich liebte - lebt nicht mehr - vergast - - - (...) Ich kam auf d. lebende Seite - von Auschwitz wo man uns ganz kahl den Kopf abrasierte - Holzpantoffeln ohne Strümpfe, ohne Wäsche, nur in Häftlingskleidung, ohne Taschentuch - ohne Seife u. Handtuch, kurz nackt wie das Vieh wurden wir verschickt."
Stichwörter: Holocaust

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2026 - Geschichte

Nach Jahrzehnten der Verweigerung hat das Schweizerische Bundesarchiv Akten über Josef Mengele endlich freigegeben (unser Resümee) - aber nur zum Teil. So spät und dann auch noch unvollständig? In der NZZ ist Urs Hafner empört: "In seiner Medienmitteilung schreibt der Nachrichtendienst, er habe im Mengele-Dossier - so wenig wie möglich - geschwärzt, um 'Personendaten von früheren und heutigen Angestellten der Bundesverwaltung mit Bezug zum NDB und zu seinen Vorgängerorganisationen' zu schützen. Das klingt nach Respektierung der Privatsphäre und Achtung der Menschenwürde, doch faktisch zensuriert die Verwaltung historische Dokumente in ihrem Interesse: Das mögliche Fehlverhalten einstiger Mitglieder soll im Dunkeln bleiben. Dabei sind öffentliche Archive ja geradezu dafür eingerichtet worden, damit Bürger und Historikerinnen das Handeln früherer Amtspersonen überprüfen können. Das unterscheidet den liberalen Rechtsstaat vom Ancien Régime und von Regimen wie der DDR oder den USA unter Trump, der die Archive unter seine Kontrolle bringen will."
Stichwörter: Mengele, Josef

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2026 - Geschichte

Michael Rühle, einst hoher Nato-Funktionär, vergleicht in der FAZ auf der "Gegenwart"-Seite die Angriffe von Pearl Harbor und vom 11. September, mit nicht allzu viel Sympathie für die Amerikaner übrigens. In beiden Fällen hätten die Amerikaner "das Narrativ einer im Grunde unverschuldeten Opferrolle" verbreitet. Die meisten Publikationen zu den Ereignissen seien "verschwörungstheoretische Machwerke". "Während Pearl Harbor die Reaktion Amerikas - das militärische Niederringen des Angreifers - nahezu unausweichlich machte, war die Situation bei '9/11' eine andere. Die Mischung aus Angst, Patriotismus und dem Wunsch nach Rache ließ sich gegen einen gesichtslosen Feind nicht in gleicher Weise kanalisieren wie 1941. Die moralische Überhöhung der eigenen Ziele wie auch die Dämonisierung des Gegners sind fester Bestandteil des amerikanischen politischen Diskurses. Sie dienen dazu, einem außenpolitisch wenig interessierten Kongress und einer noch weniger interessierten Öffentlichkeit komplexe Sachverhalte in möglichst plakativer Sprache zu vermitteln."
Stichwörter: 11. September

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2026 - Geschichte

In der taz erinnert Irina Scherbakowa an den Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei im August 1968 und die Niederschlagung des Prager Frühlings. In Russland wird die Erinnerung an der Prager Frühling allerdings immer unbequemer, schreibt sie: "Als zwei noch lebende Teilnehmer von 1968 zum 45. Jahrestag der Demonstration zu einer Gedenkaktion auf den Roten Platz gingen, wurden sie von der Polizei festgenommen. Zwar ließ man sie später wieder frei, doch es wurde klar, dass Proteste in Russland wieder gefährlich sind. Vor dem Hintergrund des Krieges gegen die Ukraine wird der sowjetische Einmarsch in die Tschechoslowakei einer historischen Revision unterzogen. Im neuen Geschichtsbuch für Schulen heißt es, dass der Prager Frühling unter dem Einfluss des Westens stattfand und dass erst die Bedrohung des sozialistischen Lagers die sowjetische Führung zum Einmarsch zwang. Kein Ende der Geschichte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.09.2026 - Geschichte

Am 1. September überfiel Hitler-Deutschland Polen und trat so den Zweiten Weltkrieg los - diesem Ereignis ist im Bundestag aktuell keine Gedenkstunde gewidmet, konstatiert der Historiker Michael G. Müller im Tagesspiegel. Das löst vor allem in Polen Kopfschütteln aus, dort wird der deutsche Umgang mit den Verbrechen an den Polen von der gesamten politischen Landschaft betont. Ein großes Problem sei vor allem, dass Deutsche zu wenig über die Geschichte um den Angriff auf Polen wüssten. Bei einer Tagung "kommentierte der polnische Historiker Maciej Gorny ironisch: An der Ahnungslosigkeit der meisten Deutschen in Bezug auf die deutschen Verbrechen in Polen im Zweiten Weltkrieg habe sich tatsächlich kaum etwas verändert. Doch nähme auch in Polen das Wissen darüber und das Interesse daran in der jüngeren Generation deutlich ab. So könne man wohl damit rechnen, dass junge Polen und junge Deutsche sich irgendwann in gleicher Ahnungslosigkeit begegnen werden - auch eine Art von 'Dialog auf Augenhöhe'. Darauf zu warten, wäre zynisch und gefährlich. Es muss jetzt etwas von deutscher Seite geschehen und dafür braucht es nicht mehr als den politischen Willen. Eine Gedenkstunde des Deutschen Bundestags zum 1. September wäre ein leicht zu setzendes, wichtiges Zeichen. Man muss nur wollen."

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In seinem neuem Buch "Vergangenheitsabwehr" rekonstruiert der Historiker und Sprecher der Unabhängigen Historikerkommission, Klaus-Dietmar Henke, wie der BND beim Eichmann-Prozess einen Spitzel einschleuste, um die NS-Vergangenheit von Adenauers Staatssekretär Hans Globke zu verschleiern (unser Resümee). Im SZ-Gespräch mit Willi Winkler erklärt er, warum Adenauer an Globke festhielt, wie langwierig es war, die Deutschen von ihrer "obrigkeitlichen Demokratieskepsis" zu entwöhnen - und warum wir mit Blick auf die Nachkriegszeit nicht mehr von "Verdrängung" sprechen sollten: "Das allgemeine Verhaltensmuster nach 1945 ist keineswegs eine mehr oder weniger unbewusste 'Verdrängung' der Vergangenheit gewesen, sondern deren aktive Abwehr durch Nichtthematisierung, Verschleierung, Verharmlosung, Umdeutung oder Verleugnung: 'Vergangenheitsabwehr' eben. Die vernebelnde Rede von der Verdrängung ist eine Verharmlosung der tatsächlichen Haltung der damaligen Mehrheitsgesellschaft und selbst Indiz für die Vergangenheitsabwehr. Hunderttausende gewinnen aus den kürzlich freigeschalteten NS-Akten ja gerade die Erkenntnis, dass der sprichwörtlich gewordene Opa seine Zeit in der NSDAP oder der SS gar nicht 'verdrängt', sondern seine Enkel schlicht belogen hat."

Die Gebeine des Kaisers Otto I. (912-973) werden heute im Magdeburger Dom neu beigesetzt, nachdem dieser aus Sicherheitsgründen von einem Archäologen-Team um Harald Meller zuvor aus dem Dom entfernt wurden (unser Resümee). Im SZ-Interview mit Jakob Wetzel spricht Meller über die Auseinandersetzung mit der AfD, die sich im Zuge dieser Untersuchung und öffentlichen Ausstellung der Gebeine darüber beschwerte, dass "die Gebeine des 'Gründers des Deutschen Reiches und damit der Präfiguration unseres Staates'" öffentlich gezeigt wurden. "Wir handeln nach wissenschaftlichen Maßstäben, nach Recht und Gesetz sowie nach ethischen Grundsätzen, in enger Abstimmung mit den Kirchen. Für uns war das Wesentliche, dass wir das Grabmal Ottos des Großen sichern und dauerhaft erhalten." Vor allem biete sich Otto I. nicht als ein Gründer Deutschlands an. "Otto war ostfränkischer König und römischer Kaiser. Es gab weder einen deutschen Nationenbegriff noch ein deutsches Reich. Der Herrschaftsbereich Ottos umfasste auch viel mehr als das heutige Deutschland. Insofern könnten sich heute auch die Schweiz oder die Lombardei auf Otto berufen. Hätte man Otto gesagt, er sei deutscher Kaiser oder deutscher König, dann hätte er das überhaupt nicht verstanden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2026 - Geschichte

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Auf den "Buch Zwei"-Seiten der SZ rekonstruiert Willi Winkler in einem Essay (der mit knapp 30 Minuten Lesezeit angegeben ist) einen Coup innerhalb des Eichmann-ProzessesKlaus-Dietmar Henke, Leiter der 2011 unter Angela Merkel eingesetzten Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Frühgeschichte des BND, hat ihn in dem Buch "Vergangenheitsabwehr" öffentlich gemacht: "Mit dem Segen des Kanzleramts war es dem Bundesnachrichtendienst gelungen, einen Agenten in den Prozess einzuschleusen, mit dessen Hilfe es möglich wurde, die Verteidigung Eichmanns im Sinn der damaligen Bundesregierung zu steuern. Es ging darum, Adenauers wichtigsten Berater zu schützen: Staatssekretär Hans Globke, den Leiter des Kanzleramts. Ziel der Operation war es, die Verantwortung Globkes und anderer ehemaliger Mitläufer, Kollaborateure und Nazi-Größen bei der sogenannten Endlösung unbedingt aus dem Prozess herauszuhalten. Nach allen juristischen Maßstäben handelte es sich hier um einen eklatanten Fall von Mandantenverrat, während man beim BND den Coup in internen Memos stolz feierte ('eine tolle Sache')."

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Für die taz spricht Kersten Augustin mit Astrid Proll, Gründungsmitglied der RAF, die gerade ihre Autobiografie "Zwischen Sturm und Stille. Wie ich der RAF entkam" veröffentlicht hat. Von Selbstkritik und Verantwortung scheint Proll auch mit 79 Jahren nicht viel zu halten: "Für mich und alle in meinem Umfeld war die RAF mit Stammheim vorbei. Aber wenn später wieder ein Mord passiert ist, kamen trotzdem immer Leute auf mich zu und sagten: Was habt ihr da schon wieder gemacht? Mit zeitlichem Abstand verschmelzen die vielen Jahre und unterschiedlichen Generationen und Intentionen immer mehr zu einer 'RAF-Epoche'. Differenzierungen gehen verloren."

Weitere Artikel: Christian Thomas in der FR und Andreas Kilb in der FAZ erinnern an den Gotenkönig Theoderich II., der am 30. August vor 1500 Jahren in Ravenna starb. In der NZZ erinnert der Osteuropahistoriker Ulrich M. Schmid an den bis heute nicht aufgeklärten Mord an der russischen Investigativjournalistin Anna Politkowskaja vor zwanzig Jahren. Besprochen wird die Ausstellung "Kopfgeburt Preußen" im Brandenburg-Preußen-Museum Wustrau (FAZ).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2026 - Geschichte

In der Zeit erinnert der Medienwissenschaflter Stefan Piasecki an den iranischen Diplomaten Abdol-Hossein Sardari, der schätzungsweise zwischen 500 und 3.000 Menschen vor den Nazis rettete, in dem er ihnen iranische Pässe ausstellte. Er entwickelt "eine gewagte Argumentation und streut sie im Verkehr mit deutschen Diplomaten: Die iranischen Juden seien gar keine Juden im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie, sondern Angehörige einer besonderen ethnischen Gruppe namens 'Dschughuten' - Perser mosaischen Glaubens, aber biologisch arischer Abstammung - und daher von antisemitischen Maßnahmen auszunehmen." Offenbar stellte er "aus Blankoformularen der iranischen Vertretung Sardari eine unbekannte Zahl von Empfehlungsschreiben und Papieren für persische Juden und vermutlich auch für Angehörige anderer Staaten aus und bringt das Eigentum bedrohter Familien im Gebäude der Gesandtschaft oder in seinem Privathaus unter. Die Religionszugehörigkeit ist in den Pässen nicht vermerkt: Wer iranische Papiere besitzt, gilt automatisch als Angehöriger einer neutralen und offiziell 'arischen' Nation."