Die Moderne erzählt sich selbst ihre Geschichte immer wieder: Seit die Religion überwunden ist, glaubt die angeblich aufgeklärte, humane, liberale Menschheit an den Fortschritt. Sie glaubt an Veränderung, an ihre Vervollkommnung und ihre Güte. Mit dem Aufkommen der modernen Wissenschaft weitete sich der Blick - eine Verbesserung schien jederzeit möglich. Das wachsende Wissen ermöglichte es dem Menschen, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, so das Credo des liberalen Humanismus. Ihn und alle Fortschrittsphantasien unterzieht John Gray in seiner Tour d'Horizon einer vernichtenden Kritik.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.03.2015
Sehr elegant fertigt Gustav Seibt den schwarzen Prinzen der modernen britischen Philosophie ab. Sein Anti-Humanismus sei wuchtig, aber nicht gedankenreich, schreibt er. Wortreich beschwöre Gray die Schwärze des Universums, in das wir mit unserem Unglück, geboren zu sein, hineingeworfen sind. Den Fortschritt fertigt er ab wie nur einer, dem noch nie ohne Betäubung im Zahn gebohrt wurde. Alles ist Gray grässlich, glaubt man Seibts Resümee. Unter blühenden Frühlingswiesen sieht er nur das Gemetzel der Nahrung mordenden Tiere, und der Mensch ist in diesem Universum auch nur Marionette dunkler Triebe. Für Gray bleibt am Ende nur ein ermüdetes Arrangement mit dem Gegebenen, diagnostiziert Seibt, der Gray en passant auf ein paar Denkfehler aufmerksam macht, etwa den, dass der Mensch, anders als die Tiere, sich per Selbstrelativierung eines Besseren besinnen kann.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.03.2015
Der Mensch ist ein Wolf, ein Raubtier, nur dem Eigeninteresse verpflichtet, unfähig zur Verbesserung. So liest es Rezensent Thorsten Jantscheck für seine kurze Kritik in John Grays neuem Buch. Aber woran macht der britische Philosoph seinen Pessismus fest? An eigenen Erlebnissen, Erlebnissen anderer und Literatur. Empirie? Demoskopische Umfragen? Belegte Fakten? Fehlanzeige. Nur was für Liebhaber von Fifty Shades of Black, rümpft der Rezensent die Nase.
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