Neue Auflage. Sebastião Salgados groß angelegte Bilddokumentation "Exodus" ist mittlerweile ein Klassiker zum Thema Migration und Vertreibung. Mehr als sechs Jahre investierte er in den 1990ern, um auf der ganzen Welt Menschen zu porträtieren, die durch Krieg, Völkermord, Unterdrückung, Elend und Hunger gezwungen waren, ihre Heimat aufzugeben und sich auf eine Reise mit ungewissem Ausgang zu begeben. In Südamerika, auf dem Balkan, in den Slums der Megacitys Asiens, im Nahen Osten und im Herzen Afrikas traf er Menschen, die zu einem Leben verurteilt waren, das sich der kleine glückliche Teil der Menschheit, der in Wohlstand und Frieden lebt, kaum auszumalen vermag. Weit mehr als ein Jahrzehnt ist vergangen, seit Exodus erstmals veröffentlicht wurde. Zu den größtenteils immer noch virulenten Krisenherden der 1990er sind neue hinzugetreten, zu den Millionen von heimatlosen und unbehausten Menschen von damals weitere Millionen hinzugekommen.
Im Balanceakt zwischen der Dramatik der Situation und den ästhetischen Ansprüchen an Aufbau und Komposition seiner Bilder führt Salgado uns einen Prozess globaler Verelendung vor Augen, aus dem wir uns als Akteure im globalen Zusammenspiel ökonomischer und politischer Prozesse nicht mit voyeuristischer Schaulust entziehen können. Nicht erst seit Flüchtlingsboote an den Mittelmeerküsten anlanden und Ertrunkene an den Stränden liegen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 23.07.2016
Arno Widmann begrüßt die Entscheidung des Taschen-Verlags, Sebastio Salgados monumentalen bereits vor zwanzig Jahren erschienenen Fotoband "Exodus" erneut herauszugeben. Denn angsichts der aktuellen Flüchtlingsbewegungen erscheinen dem Kritiker die Aufnahmen, die der brasilianische Wirtschaftswissenschaftler und Fotograf in den neunziger Jahren von Flüchtlingen in Afrika, Asien und Lateinamerika machte, bedrückend aktuell. Mehr noch: Widmann kann in diesem Langzeitprojekt geradezu nachvollziehen, wie die einst aufgenommenen Fotografien inzwischen unsere Wahrnehmung, etwa von Flüchtlingslagern, beeinflussen. Bisweilen hat der Rezensent gar das Gefühl, Salgados an romantische Malerei erinnernden Schwarz-Weiß-Fotos versuchten die "Menschheit selbst" zu erfassen. Um dennoch einer "Mythologisierung" vorzubeugen, dient das Begleitheft mit Informationen zu den Abbildungen, erklärt Widmann.
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