Im Kino

Kein Funken Selbstreflexion

Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
14.10.2026. Die Reichen und Schönen treffen sich für ein scheinheiliges Charity-Event in Griechenland und werden dort von einer esoterischen Umweltsekte heimgesucht. Romain Gavras' Milliardärs-Satire "Sacrifice" bewegt sich auf bekanntem Terrain, punktet aber mit einem glänzend aufgelegten Cast.

Schauspiel-Star Mike Tyler (Chris Evans) sucht nervös sein frisch in der Türkei transplantiertes Haupthaar ab. Irgendwo sei da noch eine schüttere Stelle. Zu sehen ist allerdings nichts, was bereits verdeutlicht, dass der Defekt nicht auf Mikes Kopfhaut zu suchen ist, sondern in seinem von Minderwertigkeitskomplexen geplagten Inneren. Am Set des Sandalen-Blockbusters "Octavius" bekam der Schauspieler kürzlich einen theatralischen Wutausbruch, der viral gegangen ist und ihn zum Gespött der Leute gemacht hat. Nun sucht der Protagonist aus Romain Gavras' "Sacrifice" verzweifelt eine potentielle Bühne, um seinen Ruf zu reparieren und das zu bekommen, was ihm am wichtigsten ist: wenn schon nicht Bewunderung, dann wenigstens Aufmerksamkeit.

Die verspricht sich der in seiner wehleidigen Eitelkeit gefangene Mike von einem Charity-Event in der kargen Einöde Griechenlands. In einem monumentalen Beton-Bunker versammeln sich die Reichen und Mächtigen, um sich - so öffentlichkeitswirksam wie scheinheilig - besorgt über den schwer vom Klimawandel in Mitleidenschaft gezogenen Planeten zu geben. Alles bleibt Oberfläche und Pose, eine aufwändig inszenierte Lüge, an die nicht einmal die anwesende Elite wirklich glaubt.

Der Beginn von "Sacrifice" erinnert mehr als nur ein bisschen an Ruben Östlunds grelle Satire "Triangle of Sadness", die auf krasse gesellschaftliche Ungleichheit mit einer grotesken Karikatur der herrschenden Klasse reagiert. Ben Bracken (Vincent Cassel), den reichsten und vermutlich auch unsympathischsten Mann der Welt sowie seine aufgekratzt überkandidelte Frau (Salma Hayek), ein Pop-Sternchen mit undefinierbarem Akzent, sind ebenfalls bei dem Charity-Event und würden auch ohne weiteres in "Triangle of Sadness" passen. Oder in eine andere der seit Jahren nicht totzukriegenden Reichen-Satiren ("The Menu", "The Palace", "The White Lotus" oder aktuell "Digger"), deren Protagonisten weder über Scham noch über einen Funken an Selbstreflexion verfügen.


Anders an Gavras' Film ist jedoch, dass er nicht nur überzeichnete Klischees präsentiert, die den Zuschauer so weit distanzieren, dass er nicht über seine eigenen Verstrickungen mit dem Gezeigten nachdenken muss. Zwar werden auch die Figuren in "Sacrifice" in ihrer Lächerlichkeit vorgeführt, aber sie bewahren eine gewisse Würde und Verletztlichkeit. Vor allem Mike ist ein in seiner Tragik schon wieder berührender Charakter. Da er um jeden Preis geliebt werden will, stürmt er bei dem Event die Bühne, um die Verlogenheit der Anwesenden anzuprangern. Nicht, weil er das aufrichtig so empfindet, sondern weil er damit sein Image pflegen will. Dementsprechend kläglich scheitert die Aktion.

"Sacrifice" treibt die Überspitzung schließlich in absurde Höhen. Eine durchgeknallte skandinavische Natur-Sekte kapert mit Maschinengewehren die Veranstaltung. Die zu allem entschlossene Anführerin Joan (Anna Taylor-Joy) glaubt an die Macht des Feuers und möchte gemeinsam mit ihren mit finsteren Minen und hellblonden Topfschnitten ausgestatteten Geschwistern drei ausgewählte Partygäste in den unweit entfernten Vulkan werfen, um den Untergang der Menschheit zu verhindern. Die unterschiedlichen Ideologien, die hier aufeinanderprallen, belebt Gavras mit stylischer Ästhetik. Der Regisseur, der seine Karriere mit Musikvideos für Acts wie Jay-Z, M.I.A. und Justice begann, hat sichtlich Spaß daran, die verlogene Scheinwelt der Reichen verführerisch zu bebildern. Wie in einer hippen minimalistischen Galerie sind an den Wänden der Partylocation markige zweideutige Slogans wie "Make Earth Cool Again" in Neonschrift geschrieben. 

Höhepunkt der Zeremonie ist eine alberne Tanzperformance, bei der Mutter Natur (Charli XCX) mit ihrer Gefolgschaft den French-Disco-Klassiker "Supernature" performt. Joans spirituelle Unterredung mit dem Vulkan inszeniert Gavras mit ähnlich stilisiert rituellem Eifer, hinter dem mehr steht als nur die Absicht, das Geschehen visuell aufzuwerten. Denn letztlich erzählt "Sacrifice" von die Menschen blendenden Glaubenssystemen, die Ordnung versprechen, aber nur den Blick auf die Wahrheit verstellen. Milliardär Ben will die Natur bezwingen und wird letztlich zu ihrem Opfer. Joan zementiert nur solange ihr Weltbild mit selbsterfundenen Mythen, bis es ihr selbst in die Quere kommt. Und Mike sehnt sich irgendwann so manisch nach Läuterung und Bewunderung, dass er die desaströsen Folgen seines Handelns nicht mehr begreift. "Alles ist fake" kritisiert Joan die Schauspielerei, aber es lässt sich allgemein auf die Illusionen beziehen, denen die Figuren verfallen sind.

Die Mischung aus Gesellschaftssatire und Abenteuerfilm, an der sich Gavras mit seinem Drehbuchautoren Will Arbery ("Succession") versucht, wirkt insgesamt ein wenig abgedroschen, unausgegoren und wild zusammengewürfelt. Doch "Sacrifice" hat durchaus seine Stärken, nicht nur optisch. Man wundert sich, wie sich die edle Besetzung (am Ende taucht sogar noch ein zauseliger John Malkovich auf) für so ein mäßig vielversprechendes Projekt begeistern ließ. Aber trotz des mittelprächtigen Ausgangsmaterials gelingt es den Schauspielern - ob Chris Evans als selbstverliebtem Hanswurst oder Anna Taylor-Joy mit einnehmend psychotischer Sexiness - "Sacrifice" auf nur gelegentlich wackeligen Beinen zu tragen.

Besonders im Mittelteil, wenn bei der Geiselnahme und Entführung falsche Projektionen und Missverständisse für reichlich Durcheinander sorgen, ist der Film sogar ziemlich witzig. Als die Terroristen in Mikes Abwesenheit die Macht an sich reißen, müssen die Geiseln per Applaus abstimmen, wer als "Held" geopfert werden soll. Als der Schauspieler von der Toilette zurückkehrt und mit tosendem Applaus empfangen wird, ist er vor Rührung den Tränen nahe, weil er nicht begreift, dass sich im frenetischen Klatschen nur die Ablehnung der anderen Gäste ausdrückt. Weitere Höhepunkte sind Vincent Cassel, der dem Eso-Geschwurbel der Sekte mit fiesem Sarkasmus begegnet und Ambika Mod als Tänzerin, die in ihren verzweifelten Versuchen, ihrer Rolle als geopferter Jungfrau zu entgehen, souverän ihr komisches Talent ausspielt. Gelungen ist "Sacrifice" zwar nicht unbedingt, aber Satiren über die unüberwindbare Spaltung der Menschheit hat man nun wahrlich schon schlechtere und vor allem weniger lustige gesehen.

Michael Kienzl

Sacrifice - Frankreich 2025 - Regie: Romain Gavras - Darsteller: Chris Evans, Anya Taylor-Joy, Vincent Cassel, John Malkovich, Ambika Mod u.a. - Laufzeit: 100 Minuten.